Die hartnäckige Helferin

Jenny De la Torre leitet das Gesundheitszentrum für Obdachlose in der Pflugstraße

Von unserer Gastautorin Ute Zauft

Copyright: de la Torre-Stiftung

Zu siebt sitzen sie dicht gedrängt um den runden Tisch, in der Mitte steht ein Topf mit Kartoffelsuppe. Wenn von der Suppenküche im ersten Stock etwas übrig bleibt, essen die Mitarbeiter der Arztpraxis für Obdachlose gemeinsam zu Mittag. Jenny De la Torre hält sich beim mittäglichen Plauderstündchen zurück. Erst als das Gespräch auf den anstehenden Tag der offenen Tür kommt, übernimmt sie gestikulierend die Regie und verteilt die Aufgaben: Im Labor sollen sich Besucher den Blutzucker messen lassen können, im ersten Behandlungsraum den Blutdruck und im zweiten das Gewicht. Sie ist es, die das Gesundheitszentrum für Obdachlose in Berlin Mitte aufgebaut hat.

Als Sechsjährige schwor sich Jenny De la Torre, Ärztin zu werden: Ihre Mutter liegt schwerkrank zu Hause; lange muss ihr Vater in dem kleinen Städtchen in den Anden Perus nach dem Arzt suchen. Als dieser endlich am Krankenbett ankommt, stürmt der Nachbarsjunge herein: Ein Notfall in seiner Familie, er will den Arzt holen. „Ich weiß noch, wir haben beide geheult und geweint. Ich wollte den Arzt nicht gehen lassen, obwohl der Junge mir leid tat.“

Fast fünfzig Jahre später sitzt sie in gestärktem Arztkittel hinter dem Schreibtisch mitten in ihrem großzügigen Behandlungszimmer. Sie trägt ihre schwarzen Haare kurz und kein Make-up. Ihr prüfender Blick durch die randlose Brille verrät, dass sie jede Frage abwägt. Jenny De la Torre redet nicht gerne über sich.

Als Jenny De la Torre das Bundesverdienstkreuz erhielt, sah ihre Familie im peruanischen Fernsehen eine Reportage über ihre Arbeit in Berlin – und war erschrocken: „Warum müssen wir über das Fernsehen erfahren, was Du machst?“, riefen sie. De la Torre hebt ihre Handflächen mit einer Geste nach oben, die für die Überraschung ihrer Eltern steht. Natürlich hatte sie ihnen erzählt, dass sie Obdachlose versorgt, aber warum hätte sie ins Detail gehen sollen. Ihr Vater war betrübt, als er die Bilder von ihren Patienten mit offenen Beinen, Erfrierungen und eitrigen Hauterkrankungen sah. „Wie kannst Du dieses Unglück ertragen?“, fragte er am Telefon. Sie sagt dazu: „Wenn ich mich von so etwas abschrecken ließe, wäre ich nicht Chirurgin geworden.“

Nach ihrem Schulabschluss schrieb sich Jenny De la Torre in ihrer peruanischen Heimat für Medizin ein. Für den Lebensweg eines Menschen können kleine Dinge entscheidend sein. In Jenny De la Torres Fall war es so klein wie eine Postkarte, die ein Freund gerade vorlas, als sie in den Hörsaal kam: Eine Kommilitonin schrieb aus der DDR, in die sie nach zwei Semestern für ihr weiteres Studium gewechselt war. „Mein Gott“, dachte Jenny De la Torre, „was für eine Chance, in Deutschland studieren zu können.“ Kurzerhand fuhr de la Torre zur DDR-Botschaft nach Lima und verließ die Stadt erst wieder, als ihr nach zwei Wochen beharrlichen Fragens der richtige Ansprechpartner für ihre Bewerbung genannt worden war. 1976 erhielt sie ein Stipendium, um in der DDR Medizin zu studieren.

Jenny De la Torre ist keine Frau, die einfach aufgibt. Als nach sieben Jahren in der DDR ihr Medizinstudium im heimatlichen Peru nicht anerkannt wird, kehrt sie zur Facharztausbildung zurück an die Charité in Berlin. Als die Behörden sie bei ihrer abermaligen Rückkehr auch als Kinderchirurgin nicht zulassen wollen, kehrt sie abermals zurück, und zwar ins gerade wieder vereinigte Deutschland. Sie bleibt – auch als sie dort keinen Job findet, weil direkt nach der Wende viele Polikliniken geschlossen und die Ärzte entlassen werden. „Es war eine schwierige Zeit“, sagt sie heute nüchtern.

1994 bekommt sie schließlich in Berlin eine ABM-Stelle als Ärztin für Obdachlose. „Es war ein Schock. Ich hatte schwerstkranke Menschen bei mir sitzen, denen ich nicht so helfen konnte, wie ich wollte.“ Sie praktizierte anfangs in einem fensterlosen Raum im Keller des Ostbahnhofs, praktisch ohne medizinische Ausrüstung oder Medikamente. Am schlimmsten war für sie, dass sie ihre Patienten mit Krätze, Schleppe oder chronischer Bronchitis nach der Behandlung wieder auf die Straße schicken musste. Sicher, sie kannte Armut aus Peru, aber da hielten wenigstens die Familien zusammen. „In Deutschland bedeutet Armut soziale Isolation.“ Auf die Verwahrlosung und Vereinsamung ihrer Patienten war sie nicht vorbereitet.

Jenny De la Torre sammelt Medikamente, medizinische Geräte und erkämpft Schritt für Schritt eine größere Praxis mit Suppenküche und Kleiderkammer. Der ABM-Job war ihr „Schicksal“, sagt sie heute. Sie hat es nicht geplant, aber angenommen. Am Anfang war ihr erster Impuls, allen möglichst schnell zu helfen, sie wurde dabei aber auch enttäuscht. „Sobald ein Patient sagte ‚Ich will mit dem Trinken aufhören’, habe ich alle Hebel in Bewegung gesetzt, einen Therapieplatz besorgt und so weiter.“ Am nächsten Tag konnte es gut sein, dass der Patient es sich wieder anders überlegt hatte.

2002 erhält sie für ihren Einsatz von der Zeitschrift „Super Illu“ die Goldene Henne und gründet mit den 25.000 Euro Preisgeld die Jenny De la Torre Stiftung. Nur ein Jahr später wird ihre Stelle in der Praxis von 40 auf 25 Stunden gekürzt. „Nicht mit mir! Und nicht mit unseren Obdachlosen!“, dachte sie damals und kündigte schließlich. Sie blickt auf ihre gefalteten Hände. Die Entscheidung sei ihr nicht leicht gefallen, sagt sie. „Aber ich wusste: In 25 Stunden kann ich die Patienten nicht adäquat betreuen.“ Zwei Jahre später eröffnet sie mit der Stiftung ihr eigenes Gesundheitszentrum für Menschen ohne festen Wohnsitz.

der Jenny de la Torre-Stiftung in der Pflugstraße Das Backsteinhaus in der Pflugstraße hat ihr die Stadt vorerst mietfrei überlassen. Innen sind alle Wände frisch geweißelt, vom Treppenhaus schaut man in den weitläufigen Garten mit hoch gewachsenen Bäumen. Auf drei Stockwerke verteilt, finden sich Augen-, Zahn- und Allgemeinarztpraxis, sowie eine Suppenküche, eine Kleiderkammer, Rechts-, Psychologen- und Sozialberatung. Fast die komplette Einrichtung wurde gespendet, die laufenden Kosten trägt die Stiftung, die von Privatpersonen und Organisationen aus der Öffentlichkeit unterstützt wird. 27 Personen arbeiten hier, mit unterschiedlichem Zeitbudget. Davon sind zehn fest angestellt, der Rest sind so genannte Ein-Euro-Jobber.

Sie würde nicht sagen, dass sie stolz auf das Ergebnis ist, dafür ist sie zu sehr darauf bedacht, nicht überheblich zu klingen. Mit dem Gesundheitszentrum der Stiftung habe sie Stabilität geschaffen. „Wir stehen aber erst am Anfang.“

Online spenden unter: http://www.delatorre-stiftung.de/delatorre-stiftung.php/cat/23/title/Direkt_Helfen

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