Der Abschied fällt schwer

„Beobachten. Beleuchten. Bewerten“ – so stellten kunstprodukt und eS den Auftrag der Kiezspione vor einem Jahr. Genau genommen ist es schon 13 Monate her und es fehlt bislang ein Jahresrückblick. Statt eines Rückblicks, den überlicherweise die beiden formuliert haben, soll heute der Blick gerichtet werden auf kunstprodukt und eS, unsere Initiatoren. Sie sind im Urlaub und solange wir hier „sturmfrei“ haben, können sie sich nicht wehren. Denn sie kehren nicht zurück in unseren Kiez – schon vor fast 14 Tagen haben wir ihre tausend Kisten, Möbel, Maschinen und den Campingstuhl in einen anderen Kiez gefahren. An dieser Stelle muss die Frage erlaubt sein: Warum der Umzug trotz ungebremster Begeisterung für unseren Kiez? Das erfahren wir zum Teil aus ihren Beiträgen des vergangenen Jahres und wir erfahren auch etwas über sie selbst.

Ein Blick auf die Streetart in unseren Straßen, auf Bansky, Graffiti und die schöne Straßenpoesie – eS war unsere Frau (soviel sei verraten) für die Kunst. Was dem normalen Kiezbürger gar nicht auffiel, sprang ihr ins Auge und erst, nachdem sie es fotografierte und das Bild veröffentlichte, konnten auch alle anderen die Kunst, die Poesie, die Kreativität erkennen. Auch wenn sie von sich schreibt kein Streetart-Kenner zu sein, so war sie doch unsere Streetart-Kennerin: Der Kameramann am BND-Zaun, die Kunst in ehemaligen Elektroschaltkasten. Gleichwohl kritisierte sie schon am Anfang, dass unser Kiez „kein Brennpunkt der Streetart-Szene“ sei – ein erster Hinweis auf einen möglichen Umzug ein Jahr später??

Vielleicht muss man auch nur lange genug warten: kunstprodukt formulierte es im April so: „Wir sind Ausstellung. Wir sind Olafur Eliasson“ – was andere schon für potentielles Feuerholz gehalten hatten, erkannte er (auch das können wir verraten) als Kunst! Das Stück isländisches Treibholz in der Schwartzkopffstraße ist mittlerweile nicht mehr an seinem Ort – ist das Teil des Kunstprojektes?

Aber es war nicht nur die Kunst, was die beiden umtrieb. Sie berichteten über die Wahlen, für die sie „bei uns“ ihre Stimme abgegeben haben, eS hielt die Bewohner über das S-Bahn-Chaos auf dem Laufenden und sie waren, das kristallisiert sich heraus, doch immer für die Bestandserhaltung. Ob es um das geplante Glashaus in der Wöhlertstraße ging, die Umbenennung der U-Bahn-Station „Zinnowitzer Straße“ in „Naturkundemuseum“ und das „fröhliche Beschriftungsdurcheinander“ an der Haltestelle oder die BND-Baustelle: Das Altbewährte sollte erhalten bleiben, Neues nur hinzukommen, wenn es sich der „trauten Eintracht“ des Kiezes anpasste. Mit der „trauten Eintracht“ sind wir aber auch schon bei unserem zweiten Hinweis auf die Umzugsmotivation. So stimmte kunstprodukt dem Mitspiegel doch zu: „viel Bebauung, schlecht gepflegte Straßenverhältnsse, wenig Grün- und Freiflächen und die Häuser sehen auch nicht wirklich gut aus“; „alle sind gleich, alle sind einfach“. Deutlicher geht es fast nicht. Gleichwohl sagte kunstprodukt auch: „Der Kiez schläft nie“ und nach dem Besuch des Sommerfestes bei der Torres-Stiftung: „Wir kommen wieder“. Aber eS stöberte schon immer gerne in anderen Kiezblogs. Und so überraschte es dann auch nicht, als kunstprodukt „baustellig“ oder „Überwachungszentrale“ vorschlug, um unseren Kiez mit nur einem Wort zu umschreiben. Dass das Kurzfilmfestvial Kiezkieken dann nur Friedrichshain, Kreuzberg und Neukölln bedachte, aber Mitte außen vor ließ, festigte vielleicht den Umzugsentschluss. Vielleicht war es auch das laute Straßenbahnquitschen in der Kurve, worüber aber überraschenderweise gar nicht berichtet worden ist. Wir wollen uns nicht länger mit dem Nachdenken über die Gründe quälen, sondern sehen, was eS und kunstprodukt über sich selbst verraten.

Das wissen wir schon: Die beiden sind Kunstfans – während eS Bescheidenheit an den Tag legt (angeblich habe sie keine Ahnung von Streetart), zeigt sich kunstprodukt standesbewusst („Wir sind Olafur Eliasson“). Als kritischer Bewohner fragte er anlässlich des Richtfestes des BND, zum dem die Kiezspione keine Einladung erhielten: „Fürchten sie unser (vielleicht) hartes Urteil?“ Und während der eine kritisierte, stellte sich die andere in den Dienst der Gerechtigkeit und forderte Entschädigungszahlungen an die stehengelassenen Fahrgäste der S-Bahn. Als Kritiker und Bayer (auch das können wir hier verraten) glaubte kunstprodukt auch lange nicht die Geschichte vom Umzug des Bundesnachrichtendienstes vom beschaulichen Pullach in das quierlige Berlin. Detektivisch in unseren Straßen unterwegs entdeckte er den Beweis für das tatsächliche Aufreten der BND-Mitarbeiter: Ein Spionageroman, der nur von jemanden mit entsprechendem Fachwissen und entlarvender Hartnäckigkeit als solcher erkannt werden konnte.

Aber in kunstprodukt sehen wir nicht nur den kritischen und kunstinteressierten Detektiv, sondern auch seine Vorliebe für Croissants. Wir lesen aus seinen Artikeln, dass er samstags und sonntags erst nach 14 Uhr frühstückt (nur deswegen kann er monieren, dass die Bäcker da schon zu haben). Damit wissen wir, dass auch eS nicht früher frühstückt, denn, jetzt ist es raus, sie frühstücken zusammen. Eines teilen sie aber nicht: kunstprodukts Vorliebe für Eck-Kneipen, in denen man „seinen Spieltrieb (…) am besten (…) befriedigen“ könne. Er betonte, dass der Wedding auch interessantes zu bieten habe, behielt aber für sich, dass abendliche Entdeckungstouren (nach Eck-Kneipen) erfolglos blieben und das selbstgebraute Bier im Hinterhof des Studentenwohnheims ihm zwar ganz gut schmeckte, aber einen fürchterlichen Kater hinterließ. Ihre Vorliebe für das Hackethals in der Pflugstraße wiederum verschweigen sie in ihren Artikeln – ein Geheimtipp, der einer bleiben soll?

Neben tollen Fotos von kunstprodukt und eS verdanken wir eS auch den einen oder anderen Wetterbericht, eine Zusammenfassung unserer Seiten in 12 (!) Sätzen und fundierte Fakten von der Verkehrssenatorin, der Senatorin für Stadtentwicklung und verschiedenen Landwirtschaftsarchitekten. Wir können vermuten, dass sie sehr heimatverbunden ist und sich in unserem Kiez eigentlich (jedenfalls wenn der BND denn dann steht) sehr wohl fühlen müsste: Schließlich informierte eS uns, dass die Architekten des BND aus der gleichen Agentur kommen wie die der Arkaden in Münster, ihrer Heimat. Gleichwohl sie in Erinnerungen an ihr Zuhause schwelgte – genauso wie unser Bayer kunstprodukt, der es nur nicht formulierte – waren beide doch auch stolz über ihren neuen Wohnort und berichteten gleich, als die Briefmarke „Naturkundemuseum“ auf den Markt gebracht war.

Der scharfsinnige kunstprodukt und die kunstbeflissene eS boten im vergangenen Jahr die „bunte Mischung“, die sie sich wünschten, und schrieben über Klatsch, Kultur, Geschichte und Politik. Sie erfreuten uns mit ihrer „Entdeckerfreude“, ihrem „Bewahrenwollen“, ihrer „Dokumentationsfreude“, sie waren „Begleiter“ und „Kommentator der Veränderungen“ in unseren Straßen – so, wie sie sich bei unserem Onlinegang auch vorgestellt hatten. Nun sind wir gespannt: Wie viel Kunst steckt in eurem neuen Kiez? Wie viele satte Grünflächen, schöne Häuserfassaden und gepflegte Straßenverhältnisse werden euch nun geboten? Wie sind die Eckkneipen? Bis wann müsst ihr eure Brötchen geholt haben und gibt es noch Croissants? Und vor allem: Findet ihr ein Stück Heimat auch in euren neuen Straßen? Wir freuen uns über eure Berichte – vielleicht auf einem neuen Blog? Und schreiben euch weiterhin, was es bei uns zu entdecken gibt. Um aber auch an dieser Stelle beim Altbewährten zu bleiben, habe ich noch eine Bitte an euch: Schreibt uns doch, aus einem anderen Kiez heraus mit einem regelmäßigen Blick auf www.kiezderspione.de weiterhin die Zwischenbilanzen und Jahresrückbliche und behaltet dabei euren kritischen Blick – nun auf das, was ihr begonnen habt und wir gerne weiterführen.

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