„Mit ’nem Kuhfuß ist man da schnell drin!“

Unschlüssiges WartenSie kamen um 9 Uhr 7.30 Uhr morgens: Wenige Tage vor dem 1. Mai holte die Polizei die illegalen Bewohner aus dem Hinterhaus Chausseestraße 57. Wie wir vor kurzem bereits vermutet hatten, stand das Haus hinter dem Parkplatz nicht leer. Nun hat der Eigentümer mit einer einstweiligen Verfügung den Auszug der Bewohner durchgesetzt.

Einer nach dem anderen trottet durch das Spalier der Polizisten. Über die Schultern haben sie Rucksäcke geworfen, schmutzige Decken und zerfledderte Isomatten gucken heraus. Einige führen Hunde an der Leine. Unschlüssig bleiben sie einige Meter weiter stehen, an der Ecke Chausseestraße/Wöhlertstraße rotten sie sich wieder zusammen. Keiner scheint so recht zu wissen wie es weitergeht.

Mit vier Mannschaftswagen und weiteren Beamten in Zivil war die Polizei am Morgen in der Chausseestraße angerückt. Eine richtige Räumung war es nicht, dazu fehlte der Gerichtsbeschluss. Stattdessen haben die Beamten, so heißt es von der Polizei, „den Besitzer begleitet“. Dieser hatte eine einstweilige Verfügung gegen die illegalen Bewohner erwirkt und setzte diese jetzt durch. Insgesamt, so teilt die Polizei später mit, seien 21 Personen angetroffen worden, von denen sich 9 nicht ausweisen konnten. Nach einer Feststellung der Personalien und einem Platzverweis dürfen alle gehen.

Ob die Aktion mit dem nahenden 1. Mai zu tun hat? So richtig gefährlich wirkt der zusammengewürfelte Haufen aus Punks, Obdachlosen und Techno-Kids nicht, wie er da unschlüssig an der Ecke rumsteht. Einer, nennen wir ihn Stefan, macht erst mal den Hosenstall zu und den Gürtel ein Loch enger. Er wurde offensichtlich von dem ungeplanten Auszug überrascht. Als die Polizei kam, „haben wir extra Chaos gemacht“, sagt er und grinst.

Wie lang er schon in der Chausseestraße gewohnt habe? „Schon lange“, sagt er. „Bestimmt zwei Monate.“ Und dass die Polizei schon mehrfach da gewesen und nach dem rechten gesehen habe. Umständlich bindet er sich seine fettigen schwarzen Haare zu einem Pferdeschwanz. Er sei nicht in das Haus eingebrochen, sagt er noch, alles sei offen gewesen.

Neben Stefan stehen drei Punks, sie sprechen polnisch miteinander. Eine von ihnen scheint mit am längsten da zu sein: Seit Oktober habe sie in dem verfallenen Hinterhaus gewohnt, sagt sie auf Englisch. Den ganzen Winter über lebten sie hier, ohne Heizung, ohne Wasser, ohne Strom.

Sie versteckten sich so gut es ging, nie sah man einen Kerzenschein in den Fenstern. Außer ihm hätten alle sehr darauf geachtet, sagt Stefan, der Abgeklärte. Und auf die Frage, wohin sie jetzt gingen, zeigt er die Chausseestraße hinunter: Ein paar Meter weiter sei gleich das nächste leerstehende Haus. „Mit ’nem Kuhfuß ist man da schnell drin!“

Doch ein wenig stehen sie noch an der Ecke und besprechen die Ereignisse des Vormittags. Nach einer Stunde löst sich der Haufen auf, auch die Polizei rückt ab. Übrig bleiben nur ein paar Handwerker, die bis in den späten Nachmittag die Fenster vor einem erneuten Einsteigen sichern und neue Türen einsetzen. Und in der Klo-Ecke im Hof stinkt vor sich hin, was die kurzzeitigen Bewohner hinterlassen haben.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Kiezbewohner abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu „Mit ’nem Kuhfuß ist man da schnell drin!“

  1. Pingback: Nach der Räumung: Zurück in der Chausseestraße 57 | Kiez der Spione

  2. Pingback: Das Ende der Abrißhäuser: Baubeginn bei The Garden | Kiez der Spione

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s