George Grosz über seine Kindheit in der Wöhlertstraße

George Grosz, 1893 in Berlin geboren und als Maler berühmt geworden, hat einen Teil seiner Kindheit im heutigen Kiez der Spione verbracht. Und auch wenn es nur zwei Jahre waren, scheinen sie doch prägend gewesen zu sein: Die Jahre in der Oranienburger Vorstadt haben in Grosz’ Autobiographie Spuren hinterlassen. Das Werk mit dem Titel „Ein kleines Ja und ein großes Nein. Sein Leben von ihm selbst erzählt“ stammt aus dem Jahr 1955. Für den Hinweis auf die Passagen bedanken wir uns herzlich bei Anne Hahn!

Georg Ehrenfried Groß, so der richtige Geburtsname, würde 1893 als Sohn eines Gastwirts in Berlin geboren. 1898 zog die Familie nach Stolp in Pommern. 1900 kehrte die Mutter mit Georg nach Berlin zurück:

„Als mein Vater starb, zog meine Mutter mit uns nach Berlin. Wir wohnten dort in der Wöhlertstraße nahe dem Wedding, einem Kohleplatz gegenüber; das übliche Schild mit den schwarzen, gekreuzten Hämmern erscheint mir noch manchmal wie ein pessimistisches Denkzeichen. Hinter der geteerten Brandmauer war der übliche Durchblick auf den Hinterhof, die graue Vorstadtkulisse aus Asphalt und Stein, und ich sehnte mich nach Stolp, nach Wald, Wiese, Fluß und heuduftenden Sommertagen.“

[Ergänzung 14.10.2013:

Mittlerweile ist auch klar, wo Grosz wohnte: Laut dem Wikipedia-Eintrag zur Wöhlertstraße lag der „Kohlenplatz der Brennmaterialienhandlung J. Hausmann“ auf dem Grundstück Pflugstraße 10, das etwa ab 1910 mit der Wohnanlage Wöhlertgarten bebaut wurde. Wenn Grosz gegenüber wohnte, dann also vermutlich im Haus Wöhlertsraße 11.]

Und weiter heißt es:

„Nicht weit von uns, in der Chausseestraße, lag auch die sogenannte Maikäferkaserne, und gelegentlich sah man dieses berühmte volkstümliche Infanterieregiment mit klingendem Spiel vorbeimarschieren. Da ich aus Stolp fast nur Husaren kannte, gefielen mir diese anders uniformierten Soldaten sehr. Wir wohnten in einem richtigen Proletarierviertel, aber das wurde mir damals nicht recht bewußt. Die Straße war voller Kinder und wimmelte von Leben, bei Goldacker gab es herrlich duftendes Brot, und ein Laden mit Kolportageliteratur in der Auslage ließ mich wollüstig erschauern – über einen eigentümlichen Schauer vor solch dramatischen Mords- und Titelbildern bin ich nie ganz hinweggekommen.“

Letzteres stimmt ganz sicher, schließlich wurden solche Motive bestimmend für seine künstlerische Laufbahn. Auch bei Wikipedia heißt es: „Schon als Kind kopierte er Zeichnungen aus Illustrierten und las mit Begeisterung Abenteuer- und Detektivgeschichten. Besonders interessierte er sich für Bilder, die dramatische Szenen wiedergaben.“ Vorlieben, die er mit einem neuen Freund zu teilen schien:

„Ich freundete mich mit einem recht intelligenten Nachbarssohn an, der viel las und mich in die Volksschule (in der Artilleriestraße [heute Tucholskystraße, Anm. d. Red.]) mitnahm… Eines Tages wendete sich unser Schicksal. Wir zogen wieder nach Pommern.“

Das war im Jahr 1902, als die Familie wiederum nach Stolp zog. Grosz’ Mutter Marie übernahm dort die Bewirtschaftung eines Offizierskasinos. 1918, nach dem 1. Weltkrieg, kehrt Grosz nach Berlin zurück, heiratet 1920 und bekommt zwei Söhne. Mit seiner Familie lebt er bis zur Emigrierung 1933 in Wilmersdorf.

Alle Auszüge aus: George Grosz, Ein kleines Ja und ein großes Nein. Sein Leben von ihm selbst erzählt, Hamburg 1983, S. 11f.

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