Wir sind Buch: Der Kiez und die Spione als Krimi-Sujet

Im Herbst erreichte uns eine wirklich ungewöhnliche Mail: Der Journalist und Autor Jan Bergrath wies uns auf seinen neuen Roman hin. Unter dem Titel Fiktion hat er einen Krimi geschrieben, „ein Roman über Mord, Sex und Literatur“, so der Untertitel. Bergrath schrieb uns:

„ich komme zwar aus Köln, aber wenn ich in Berlin bin, wohne ich immer in der Neuen Hochstraße im Wedding und begebe mich Abends ins Hackethals in der Pflugstraße. Seit ein paar Jahren nun verfolge ich den enormen Wandel in diesem Viertel rund um den BND – und nun ist es zum Hauptschauplatz meines neuen Romans „Fiktion“ geworden, der gerade zur Frankfurter Buchmesse erschienen ist. Auch die Plattform „Kiez der Spione“ spielt eine Nebenrolle. Das satirische Finale der Story dagegen ist ganz dem BND gewidmet.“

Ein Roman über den Kiez und über uns? Den mussten wir natürlich haben und bekamen ihn auch (danke an den Autor für das Rezensions-Exemplar)! Die erste Erwähnung findet sich dann tatsächlich auf Seite 49:

„In einem vertraulichen Moment hatte mir Peter einmal verraten, dass er einer der Köpfe der Online-Klatschseite Kiez der Spione war. Alles, was hier im Viertel zwischen Nordbahnhof und BND geschah, fand über ihn den Weg ins Netz.“

Na, das mit der Klatschseite haben wir jetzt aber nicht gehört… Und Peter heißt auch keiner von uns, aber das behaupten natürlich alle Spione. Worum aber geht’s denn nun eigentlich?

Krimiautor Andreas Hubert hat gerade das erste Kapitel seines neuen Buchs fertig gestellt. Es soll um Berlins Großbaustellen gehen, den Flughafen und den BND. Doch zweierlei hält Hubert von weiteren Recherchen ab: Der Widerstand seines besten Freundes und Chefs Robert Hälfer – sowie die Diagnose Blasenkrebs. Doch Hubert will dieses Buch unbedingt schreiben und macht auch im Krankenhaus weiter. Dabei wird langsam klar, dass sein Freund Robert mehrere Gesichter hat: Hubert gerät in eine Welt aus Insider-Informationen, Spionage und Prostitution. Am Ende hat er genug gelernt, um sein neues Wissen erfolgreich zu nutzen…

Das Buch liest sich ziemlich flüssig und macht durchaus Spaß. Die vertrauten Sujets wie Straßenzüge, Cafés und die Charité beschleunigen den Lesefluss. Allerdings bleiben die Figuren zum Teil etwas blass und austauschbar, besonders die verschiedenen Kumpels des Ich-Erzählers lassen sich schwer auseinanderhalten. Umso besser getroffen ist dafür der Angelpunkt all dieser Leute, das Hackethal’s in der Pflugstraße:

„Dort, unmittelbar auf der rechten Straßenseite, lag das versteckte Hackethals im Schatten, eine Dorfkneipe mitten in der Hauptstadt. Ein urgemütliches gastronomisches Kleinod abseits der metropolen Hektik. Ein liebenswerter Leberfleck im architektonisch neuen Allerweltsgesicht von Berlin.“

Das Buch ist somit auch eine Hommage an diese Kneipe sowie an Frank, ihren Wirt. Er ist die einzige reale Figur in Bergraths Personal, „denn selbst wenn ich ihn Waldemar genannt hätte, würde man ihn erkennen“, schreibt der Autor im Nachwort.

Die Handlung ist logisch und geht zügig voran, übermäßige Längen gibt es im Krimiteil nicht. Aber das ist ja sozusagen nur die eine Hälfte des Buches. Die andere Hälfte dreht sich um die Krankheit des Autors. Wie er im Nachwort verrät, erhielt Jan Bergrath selbst 2009 die Diagnose Blasenkrebs und musste sich der gleichen Behandlung unterziehen wie der Ich-Erzähler in seinem Buch. Dieser autobiographische Teil des Buches ist sehr detailliert geraten: Im literarischen Sinne zu lang und für den (männlichen) Leser mit Phantasie und Einfühlungsvermögen sehr schmerzvoll. Dem Rezensenten wurde zeitweise richtiggehend schlecht und er musste eine Lese-Pause einlegen.

Alles in allem habe ich das Buch aber gerne und zügig gelesen; es war eine schnelle Ferien-Lektüre mit einigem Vergnügen. Schon alleine wegen Passagen wie dieser über das Grundstück Chaussee-/Ecke Liesenstraße hinter der Tankstelle:

„Und ein Stück weiter westlich hatten sie vergangenes Jahr die Mauer aus beweglichen Reststücken teilweise wieder aufgebaut. Für Filmarbeiten. Und für ein Interview mit dem damals noch unbescholtenen Bundespräsidenten Christian Wulff. Vor einer getürkten Kulisse. Dieser Immobilienskandal blieb aber unberichtet, die Bild wollte ihn wahrscheinlich aufbewahren, dann war es im Sande verlaufen, bis Wulff doch noch über Filmarbeiten zu Fall kam.“

Das Buch von Jan Bergrath ist also schnell geschriebene Prosa mit deutlichen aktuellen Bezügen zum Sommer 2012: Neben dem BND und dem Flughafen-Desaster spielen auch die Gentrifizierungs-Debatte und die Fußball-EM eine Rolle. Ob das in einigen Jahren noch aktuell ist und alle Bezüge verständlich bleiben, steht auf einem anderen Blatt. Und jetzt schnell ins Hackethal’s, Franks Mittagstisch ruft…

Jan Bergrath: Fiktion. Ein Roman über Mord, Sex und Literatur. LZ Verlag, Berlin 2012. 15,90 Euro.

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