Von dem, was weitergeht und dem, was verschwindet

Es ist still geworden um unsere kleine Kiez-Zeitung, zu still. Das liegt zum einen daran, dass nur noch einer der ursprünglich vier Spione überhaupt im Kiez wohnen. Der Rest ist nach und nach weitergezogen, was an sich in keinem der Fälle mit dem Kiez der Spione zu tun hat – und doch viel über die rasend schnellen und tiefgreifenden Veränderungen aussagt. Und genau die sind es zum anderen, die den verbliebenden Kiezspion etwas mutlos werden lassen: Es passiert so viel und vor allem gleichzeitig, dass er gar nicht mehr weiß, wo zuerst spionieren. Man könnte auch sagen: Der Wandel ist uns über den Kopf gewachsen.

Umso schöner ist es da, wenn Hilfe von außen naht, in diesem Fall von halb-außen: Annika Wisniewski lebte als Kind in der Wöhlertstraße und erlebte hier zwischen 1985 und 1993 die Wendezeit. Nun war sie mal wieder in ihrem alten Kiez und hat ihre Beobachtungen und Empfindungen aufgeschrieben. Hier ihr – wir finden sehr schöner – Text:

Von dem, was weitergeht und dem, was verschwindet

Ein Herbsttag im Kiez der Spione. Auf dem Friedhof, der am ehemaligen Grenzstreifen zwischen Wöhlert- und Liesenstraße liegt, setze ich mich unter einen Ahornbaum und blicke über die noch erhaltene Hinterlandmauer in den Himmel über Westberlin. Etwa dreihundert Meter hinter mir befindet sich die Ostberliner Wohnung, von wo aus ich als Kind die Wendejahre miterlebt habe. Ich erinnere mich, dass mir meine Mutter, als wir vor einer Weile zusammen hier waren, erzählte, der Friedhof sei zu DDR-Zeiten meistens unzugänglich gewesen, aber manchmal habe man doch dort spazieren gehen können, musste sich dann allerdings die achthabenden Blicke der patrouillierenden Grenzpolizisten gefallen lassen. Von der Liesenstraße her dringen schwere Motorengeräusche zu mir herüber. Ich höre Krähen krächzen und das Rasseln einer Hundeleine, die kurz darauf das Tier und einen Bollerwagen voll mit Kitakindern in mein Blickfeld zieht. Im Hochhaus hinter der Mauer hämmert es. Für einen Friedhof geht es hier ganz schön lebhaft zu, finde ich, und lehne mich mit dem Rücken an den Ahorn. Der Geräuschteppich und das Wurzelgeflecht unter meinem Po verweben sich zu einer warmen Decke, die Geborgenheit gibt.

Die S-Bahn kommt jetzt von der Liesenbrücke her eingefahren, ich erspähe gerade mal ihr Dach und die oberen Fenster über der Mauer, bevor sie in den Untergrund abtaucht. Ich denke, dass es für die Anwohner hier auf der Ostseite eine ziemliche Provokation gewesen sein muss, nach drei Himmelsrichtungen vom Westen eingekesselt zu sein, rechts über der Mauer die Köpfe der Westberliner S-Bahn-Gäste vorbeiziehen zu sehen, und weiter links, über dem Geisterbahnhof „Stadion der Weltjugend“, das Vibrieren der U-Bahn aushalten zu müssen, die zwischen West und West den Osten durchschnitt – „Friedrichstraße, letzter Bahnhof in Berlin-West. Reinickendorfer Straße, nächster Bahnhof in Berlin-West“. Als Kind hat man ja noch keine abstrakte Vorstellung von der Umgebung, solche topografischen Dreistigkeiten können einem da noch nichts anhaben.

Als ich den Friedhof in Richtung Chausseestraße überquere, sehe ich am Himmel schon die sich überkreuzenden Kräne der Großbaustelle „The Garden“. Hier, auf dem ehemaligen Todesstreifen, soll ein Luxuskomplex aus Hotel, Büros, Townhäusern und einem riesigen Garten entstehen. In der Berliner Woche lese ich später, die Investoren hätten Kinder der umliegenden Kitas eingeladen, ihre Wunschgärten zu malen. Die Bilder wurden dann am Bauzaun ausgestellt und es gab sogar eine Vernissage. Kids for urban living, klar, da soll einem die Gentrifizierungsschimpfe im Hals stecken bleiben. Wie der Garten des Wohnviertels am Ende aussehen wird, bleibt jedenfalls ein Geheimnis, denn es wird ein privater Garten werden, vielleicht ja wenigstens ein verwunschener. Ich mache Fotos von der Baustelle und errege damit scheinbar Unwohlsein bei den Bauarbeitern, die mir lange, starre Blicke zuwerfen. Ein weiterer Fotograf gesellt sich zu mir, ganz in Schwarz, auf einem schwarzen Fahrrad. Seine Bilder macht er irgendwie schneller und zielsicherer als ich. Dann ist er auch schon wieder weg. Ich entwickle langsam konspirative Phantasien und verlasse den Friedhof lieber.

An der Liesen-, Ecke Chausseestraße angekommen, steigt Melancholie in mir auf, die sich nur schwer wieder vertreiben lässt. Hier, in der aufkeimenden Wildnis der früheren Sperrzone, habe ich als Kind oft gespielt. Mein Erstaunen, wie ich das erste Mal auf der anderen Seite stand, dass man die Mauer von Westen her berühren und bemalen konnte. In den verlassenen Baracken auf dem Stadion der Weltjugend wollte ich den Fallenparcours aus Kevin allein zu Haus nachstellen, mit dem die Einbrecher aus dem Feld geschlagen werden. Was weiß man überhaupt über den Nährwert von Brachen?

Am Bauzaun von „The Garden“ fotografiere ich ein Plakat, auf dem die Wohnungen abgebildet sind, wie sie später aussehen sollen. Jemand hat dem Mann, der von seinem Balkon aus die Anlage überblickt, eine Gedankenblase angedichtet: „Neukölln ist irgendwie geiler“, steht darin. Ich zähle fünf Kräne auf der Baustelle; das Hotel, das gegenüber entsteht, wird fünf Sterne tragen. Ein älterer Herr kommt auf mich zu, er suche ein Krankenhaus, vor fünfzehn Jahre sei er schon mal dort gewesen, aber jetzt erkenne er hier nichts mehr wieder. Ich frage mich, wonach ich hier suche, und was ich noch wiedererkenne. Der Platz an der Friedhofsmauer hat irgendwie mehr Raum für ein Erinnern oder ein Imaginieren aufgemacht. Hier, zwischen den Baustellen, kommt in meinem Kopf gerade nicht viel in Gang. Auch die Erinnerungstafel an der Kreuzung, vor der ich eine Weile stehenbleibe, hilft mir nicht auf die Sprünge. Wo Strukturen des Alten sichtbar bleiben, hat es die Vorstellungskraft eben leichter, vielleicht sogar leichter als in hermetischen Museumsräumen oder exakt rekonstruierten Geschichtsorten. Ein paar Meter weiter steht ein kleiner Klinkerbau der Berliner Wasserbetriebe auf einer offenen Fläche da. Im Anschluss die riesige, freistehende Seitenwand eines Wohnhauses. Zur Straße hin hat man ein provisorisches Pförtnerhäuschen aufgestellt. Das Ganze wirkt zusammengeschustert, erinnert aber der äußeren Form nach an die Grenzübergangsanlage, die sich dort früher befand. Wahrscheinlich alles ungewollt, aber mir gefällt so was.

Als ich zurück zum U-Bahnhof laufe, begegnen mir im Asphalt ein paar Kaninchen aus Messing. Die künstlerische Arbeit gedenkt der Tiere als friedliche Bewohner des Todesstreifens, als Übergänger, denen es durch ihren Tunnelbau gelang, Mauer und System zu untergraben. Ich stelle mir vor, wie so ein Kaninchen plötzlich einem der angeketteten Hunde in den Laufanlagen gegenüber gestanden haben mochte. Irgendwie ein reizvolles Bild: Bewegungsfreiheit und eingeschränkte Bewegung quasi auf der Mikroebene im Todesstreifen gebündelt. Von den Messingkaninchen ist die Hälfte schon wieder verschwunden, die Bagger haben sie geschluckt. Vielleicht wollten sie so brachenlos aber auch einfach nicht weiterleben.

Ein paar Meter weiter, dort wo einst die offene, weite Fläche des Stadions der Weltjungend lag, streift mein Blick entlang der neuen Zentrale des Bundesnachrichtendienstes. Die Rasterfassade mit den unzähligen, spaltförmigen Fenstern steht stumm vor mir, noch sind nur wenige Büros bezogen. Mir fallen sofort die Überwachungskameras hinter dem blickdichten Bauzaun ins Auge. Die BND-Zentrale soll das tote Viertel in Schwung bringen, heißt es in der Presse. Bei der Vorstellung, wie ausgerechnet die unsichtbaren Spione der geschundenen Gegend Leben einhauchen sollen, muss ich schmunzeln. Hier sieht alles eher nach Abschottung aus. Und die ist scheinbar einfach weitergegangen. Als steckte das Trennende, das jahrzehntelang am Wirken war, noch zu tief in den Knochen. Und die Stadtplaner, die haben da auch nichts ausrichten können. Gegenüber, auf dem Grundstück Chaussee Ecke Schwartzkopff, soll ein Wohnhaus des Architekten Daniel Libeskind entstehen; direkt daneben Werbetafeln für zwei weitere Bauvorhaben. Etwa noch mehr hochkarätige Nachbarschaft? Ich entschließe mich zu gehen.

Annika Wisniewski

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